Es klingt ja immer ein wenig putzig, wenn Holländer Deutsch sprechen. Das weiche Klangbild sorgt dafür, dass sich selbst harsche Kritik dank des Dialekts nach feiner Ironie anhört – wie nun in Wolfsburg bei Bayern-Trainer Louis van Gaal. Zu arrogant seien ihm seine Spieler nach dem 2:0 vorgekommen, und deswegen sei er auch ein bisschen böse. Was das wirklich bedeutet, werden nur die Bayern wissen. Es hörte sich spitzbübisch an, aber die Mimik verriet, dass es van Gaal deutlich ernster war, als es klang.
Der Niederländer hat in wenigen Monaten vieles geschafft, seine größte Leistung aber besteht in einer neuen Wahrnehmung der Bayern. Der häufig selbstverliebte Branchenführer wird einem in jüngster Vergangenheit direkt sympathisch, weil er sich plötzlich so ganz anders präsentiert. Das mag daran liegen, dass die Lautsprecher Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß mehr oder weniger verstummt sind und aus der Vorstandsetage die manchmal peinlichen Einschüchterungsversuche der Konkurrenz mit dem Holzhammer ausbleiben.

Die Bayern lassen fast nur ihre Leistung für sich sprechen, die ja genügend Aussagekraft hat. Denn anders als so oft in der Vergangenheit, als kühle Münchner Ergebnisfußball spielten, bietet der Rekordmeister plötzlich Woche für Woche ein Spektakel und löst ein altes Versprechen ein – einen solchen Fußball hatte Jürgen Klinsmann einst versprochen.
Sein Nachfolger hat es vielleicht auch deshalb geschafft, weil er sich auf seinem Fachgebiet von niemandem in die Arbeit hineinreden lässt. Oder hätte man sich ernsthaft vorstellen können, dass ein anderer Bayern-Trainer als van Gaal lächelnd, wie neulich geschehen im Aktuellen Sportstudio, zu einer Taktikfrage hätte sagen dürfen: Davon hat Uli keine Ahnung.
Nebenbei hat van Gaal auch noch das erledigt, was Klinsmann einst als Credo ausgegeben hat: Jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen, diesen eher selbstverständlichen Ansatz jedes Trainers hat der Niederländer mit Leben erfüllt und damit das Spiel der Mannschaft verbessert.
Und er hat nebenbei mit Badstuber und Müller zwei junge Spieler aus den eigenen Reihen eingebaut, was nicht vielen Bayern-Trainern gelungen ist. Zudem hat er die richtige Position für den zuvor stagnierenden Schweinsteiger gefunden. Für welchen der verschiedenen Aspekte seiner bisherigen Bilanz er den größten Respekt verdient, liegt allein im Geschmack des Betrachters.
Aber von der niedlichen Sprache darf man sich nicht täuschen lassen – das wissen wir nicht erst seit van Bommel, der nachher auch immer sehr sympathisch rüberbringen kann, warum er vorher einen Gegner übel umgeholzt hat. Es gibt auch Verlierer, die entweder schon weg sind wie Toni oder zuschauen müssen wie Klose oder Timoschtschuk.
Der Ukrainer war ein Wunschspieler von Klinsmann – und spielt keine Rolle unter van Gaal, weil der seinen Landsmann van Bommel bevorzugt. Deswegen bleibt die spannendste Frage, wie ein Platz für Ribéry gefunden wird. Bislang musste immer Olic weichen – jener Spieler, der in der Bayern-Krise im Herbst die entscheidende Rolle für die Wende spielte. Ohne ihn gäbe es van Gaal bei den Bayern vielleicht schon nicht mehr.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS